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Eine schöne Reaktion

From:Friedemann Bedürftig
Sent:Friday, May 11, 2001 2:50 PM
Subject:Ich
Bin überhaupt nicht beleidigt über die Aufnahme in Ihre urkomische Liste.
Habe selbst mal in der SZ über meine verrückte Namenskombination etwas geschrieben anhand des Aufhängers "Der kleine Herr Friedemann" von Thomas Mann. Kann den Text gern zur Verfügung stellten. Habe übrigens noch einen Bruder, der mindestens so blöde heißt: Erdmann Bedürftig, Lehrer in Berlin.
Bitte aufnehmen.
Gruß
Friedemann Bedürftig, Hamburg



Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (09.05.1996), mit Genehmigung des Autors


Die Hunde im Souterrain

Thomas Manns erste große Erzählung

Erschienen ist sie zwar erst am 8. Mai 1897 in der "Neuen Deutschen Rundschau", entstanden aber schon im Jahr zuvor: Die Novelle "Der kleine Herr Friedemann" von Thomas Mann wird jetzt 100, für mich Jubiläum eines ganz besonderen Stücks Literatur.

In unserer Familie wird gern gelacht über eine Kindergeschichte: Als kleiner Junge soll ich in der Kirche recht laut gefragt haben: "Vati, was kriegen wir?", als der Pastor gefordert hatte: "Gebet den Bedürftigen!" So ein Name hat es in sich. Zu reichen schien das meinen Eltern aber nicht, denn sie verpaßten mir dazu einen so queren Rufnamen, daß eine kaum zu übertreffende Kombination entstand. Erklärt haben das die Eltern immer damit, daß bei meiner Geburt halt Krieg war und die Sehnsucht nach Frieden die Namensgebung inspiriert habe. Hinzukam natürlich die Verehrung für Johann Sebastian Bach, der seinen Ältesten genauso hatte taufen lassen, und vielleicht steckte auch der rührselige Roman von Albert Emil Brachvogel (1824-79) über eben diesen Bachsohn dahinter. Die Gründgens-Verfilmung des Romans kam erst ein paar Monate nach meiner Taufe in die Kinos.

Wie auch immer: Es war nicht leicht mit so einem Etikett zur Schule zu gehen. Die Verballhornungen reichten von so genialen Schöpfungen wie "Friedefrau" bis zu giftigen Versionen wie "fiese Mann", und mit 16 brachte mir der Name dann sogar einen Buckel ein. Irgendein frühreifer Mitschüler hatte die in Rede stehende Novelle gelesen und mich mit der Titelfigur gehänselt, mit dem kleinen buckligen Johannes Friedemann. Klein war ich auch, bucklig zwar nicht, aber nachdem ich eilends daheim nachgelesen hatte, was man mir angehöhnt hatte, in gewissem Sinne doch. Dazu gleich, zuvor eine notgedrungen grobe Zusammenfassung der Erzählung, die 1898 auch Titelgeschichte der ersten Mannschen Novellensammlung war:

Nach einem Unfall im Säuglingsalter verkrüppelt, erlebt der "Held" beim Heranwachsen, daß ihn die Behinderung überall ausgrenzt. Eine erblühende Liebe zur Schwester eines Mitschülers endet mit der Erfahrung, daß derlei "Wonnen der Gewöhnlichkeit" (ein Begriff aus der späteren Novelle "Tonio Kröger") ihm nicht zugänglich und nicht zuträglich sind. Johannes Friedemann baut sich ein stilles Glück des Kunst- und Musikgenusses auf, aber auch ein "strenges Glück" (Prinz Klaus Heinrich im Roman "Königliche Hoheit") des Verzichts oder - auf psychodeutsch - der Verdrängung. Die Bilanz am 30. Geburtstag: "Das wären nun dreißig Jahre. Nun kommen vielleicht noch zehn oder auch zwanzig, Gott weiß es. Sie werden still und geräuschlos daherkommen und vorüberziehen wie die verflossenen, und ich erwarte sie mit Seelenfrieden." Die Zukunft scheint vor ihm zu liegen wie "in mildem Dämmerlicht".

Das aber flammt schon wenig später grell auf, als Friedemann der Frau des neuen Bezirkskommandanten begegnet. Gerda von Rinnlingen wird nicht geradezu als Schönheit geschildert, weckt aber mit dem "grausamen" Blick ihrer engstehenden Augen, ihrer "haltlosen Stimme" und der Helle, die sie umgibt, alle überwunden geglaubte zitternde Sehnsucht in dem armen Zwerg. Er kann sich von dem Bann nicht lösen, und obwohl er die Gefahr erkennt, sucht er ihre Nähe und die damit verbundene Qual. Sie steigert sich dadurch, daß Frau von Rinnlingen trotz des Glanzes ihrer Erscheinung eben nicht ganz der gewohnten einfachen und gesunden Mitwelt angehört, sondern Friedemann gegenüber zu verstehen gibt, daß auch sie "viel krank" sei und "die merkwürdigsten Zustände" kenne. Auch ihre musischen Neigungen scheinen den mitleidlosen Spott, den Friedemann in ihren Mienen zu sehen meint, Lügen zu strafen. Vielleicht doch ein gleichgestimmtes, erreichbares Du?

Es folgt das Sommerfest bei Rinnlingens, die Aufforderung Gerdas, sie auf einem Mondscheinspaziergang an den Fluß zu begleiten und der Zusammenbruch der mühsam ausbalancierten Haltung des mißgestalteten Mannes. Er wirft sich vor der Frau auf die Knie und stammelt die ganze Wirrnis seiner Seele in ihren Schoß. Ohne Regung hört sie ihn an, ehe sie ihn mit einem Ruck zu Boden stößt und davonrauscht. Von Haß überwältigt und von Ekel vor sich selbst gepackt, robbt Friedemann zum Wasser und läßt seinen überschweren Oberkörper kopfüber hineinfallen. Sein Leben endet, das Leben, das ihn nicht hat haben wollen, geht weiter: "...und durch die lange Allee herunter klang gedämpftes Lachen", sind die letzten Worte der Novelle.

Nein, hier geht es noch nicht um die "Disproportion des Talents mit dem Leben" (Goethe zu Caroline Herder über seinen "Tasso"), die in den späteren Künstlernovellen Thomas Manns zum Leitmotiv wird. Es klingt erst an im Ersatzrausch, den Friedemann in Theater, Oper, Literatur findet. Noch fehlt das Schöpferische, die Verfeinerung aber, das Gegeneinander von fragiler Kunstwelt und elementarer Macht der Natur ist schon da. Und daß sich die Kollision nicht in dichterischen Höhen abspielt wie bei Tonio Kröger oder Gustav Aschenbach ("Der Tod in Venedig"), sondern eine eher durchschnittliche, durch ein Malheur aus der Gesellschaft gefallene Existenz betrifft, das eben erleichtert gerade Jugendlichen die Identifikation. Sie entdecken ihre Individualität und Einmaligkeit ja dadurch, daß sie sich wie Friedemann als "anders" oder gar als "unnormal" erfahren.

Mir jedenfalls erschien Friedemanns Buckel wie die Verkörperung meiner pickligen Pubertät, die mich einsam machte, oder genauer: derentwegen ich mich verkroch und fürchtete. Auch sonst entdeckte ich allenthalben Verwandtes von der Musikliebe bis zum Zittern bei starker Gemütsbewegung. Es war wie beim Schmökern in einem klinischen Wörterbuch: Außer Zeichen von Kindbettfieber hatte ich dann auch so ziemlich alle Symptome selbst entlegenster Leiden. Hinzu kam der irritierende Name. Er suggerierte ständig: tua res agitur - hier geht es ganz persönlich um dich -, die Geschichte rief sozusagen nach mir. Und ich war schließlich ganz Ohr und steigerte mich in Ängste vor einer vergleichbaren "Karriere", wie sie der literarischen Figur beschieden ist. Adoleszenz und Suizid - alte Bekannte.

Ihre Bekanntschaft kann literarisch fruchtbar werden und insofern heilsam sein. Meist nämlich nehmen sich die literarischen Figuren das Leben sozusagen stellvertretend für ihre Schöpfer. Es sterben die Wer-thers und Friedemanns von eigener Hand, nicht die Goethes und Manns, jedenfalls nicht die Thomasse unter ihnen. Sie gewinnen vielmehr Produktivität aus dem Leiden dank der Gottesgabe Tassos, davon zu singen und zu sagen. Für Thomas Mann wurde der Stellvertretertod Friedemanns sogar der Durchbruch zu glückendem Erzählen, wie er seinem Freund Otto Grautoff gegenüber bekannte: "Mir ist..., als wären mir jetzt erst die Mittel gegeben, mich auszudrücken, mich mitzuteilen... Seit dem 'Kleinen Herrn Friedemann' vermag ich plötzlich die diskreten Formen und Masken zu finden, in denen ich mit meinen Erlebnissen unter die Leute gehen kann." (Brief vom 6.4. 1897)

Und es sind seine Erlebnisse im weitesten Sinne, von denen die Novelle handelt, und daß ihm daraus Exemplarisches zu schaffen gelingt, macht den Durchbruch aus. Aus Briefen an den eben genannten Freund wissen wir, wie schwer Thomas Mann gerade damals mit Triebregungen, mit den "Hunden im Souterrain", wie er sagt, zu ringen hatte und sich vergeblich bemühte, die Bestien "an die Kette" zu legen. Mal redet er sich selbst gut zu, indem er Otto den weisen Rat gibt, den Trieb durch "behutsames Schwächen und Abdorrenlassen" in den Griff zu kriegen (7.2.1896), ein andermal stöhnt er: "Wie komme ich von der Geschlechtlichkeit los?" und fragt sich in komischer Verzweiflung: "Durch Reisessen?" (8.11.1896). Und im selben Brief sieht er sich genau in der "Stimmung, die den Grundton meiner Novelle 'Der keine Herr Friedemann' ausmacht, die Sehnsucht nach neutralem Nirwana, Frieden und der Untergang im Geschlechtlichen."

Und dieser Drangsal in seinem Kellergeschoß gibt er meinen Namen! Ich hab's überlebt - es war ja nur ein Nachname -, ja ich habe davon profitiert. Es mag einfachere Wege zur Literatur geben, der aber über die Selbstentdeckung darin - in diesem Fall ganz konkret - ist der schlechteste nicht. Und deswegen habe ich mich auch immer gefragt, warum Thomas Mann diesen Namen für seinen Protagonisten gewählt hat. Er kommt im Werk sonst nirgends vor und im biographischen Umfeld auch nicht. Erst vor kurzem bin ich im Buch von Marianne Krüll "Im Netz der Zauberer - Eine andere Geschichte der Familie Mann" (1991) auf eine Deutung gestoßen, die mir plausibel erscheint, obschon es für sie keine Belege gibt.

Nach Frau Krüll hat der Dichter nur seinen eigenen Namen erweitert und den Vornamen familiengerecht abgewandelt: In der weitläufigen Verwandtschaft Thomas Manns gab es einen Vetter 2. Grades namens Johann (daher Johannes) Jakob Wilhelm Mann, der bucklig war. Er starb als 40jähriger 1896, also im Jahr der Abfassung der Novelle und kann daher Pate beim Vornamen gestanden haben. Der eigene Nachname erhielt, so Marianne Krüll, eben wegen des damaligen schweren Ringens um Seelenruhe und Sieg über die Triebe den Zusatz "Friede": Thomas (Johannes) Friede-Mann, eine denkbare Interpretation und mir sehr lieb. Damit stünde ja hinter der Mannschen Namenswahl ein ähnliches Motiv wie das meiner Eltern in meinem Fall, die Hoffnung auf -freilich höchst unterschiedlichen - Frieden.

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